Dankschrift zur Kloster- und Schulgeschichte von St. Ursula

 

Die St. Ursula-Schulen haben mit der Veröffentlichung „Dankbar das Vermächtnis leben – Kloster und Schule St. Ursula Villingen im Jahr der Klosterschließung 2015“ eine umfangreiche Würdigung der Kloster- und Schulgeschichte vorgelegt. Mit zahlreichen, bisher teilweise unveröffentlichten Bildern ist das Buch eine bunte und zugleich wissenschaftlich fundierte Darstellung des Bickenklosters. Auf vielen Spezialseiten werden einzelne Persönlichkeiten und weitere Besonderheiten des Klosters vorgestellt.

Im zweiten Teil präsentiert sich die aktuelle Schule mit ihrem Profil. Alle Klassen des Schuljahres 2014/15 sind darin ebenso abgebildet wie einige historische Fotos des Lehrerkollegiums. Eine Auflistung aller Schulabgänger seit 1990 sowie eine vollständige Bibliografie der Veröffentlichungen über das Kloster komplettieren den Band. Er ist für nur € 19,- im Sekretariat der St. Ursula-Schulen erhältlich.

Und so urteilt die Presse über die Dankschrift:

„… ein wahrer Schatz für alle, die sich für die Villinger Heimat- und Klostergeschichte interessieren.“ (Schwarzwälder Bote)

„… eine Pflichtlektüre für alle heimatgeschichtlich Interessierten und ehemaligen Ursula-Schülerinnen und Schüler.“ (Südkurier)

 

 

Plakat zur Ausstellung anlässlich der 1000-Jahr-Feier der Stadt Villingen 1999

St. Ursula - einst und heute: Tradition bewahren - Zukunft bereiten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vom Klarissenkloster der seligen Ursula Haider zur Ursulinenschule nach der Regel von Anne de Xainctonge

 

Schon vor mehr als 700 Jahren fanden sich am Bickentor klösterliche Frauengemeinschaften zusammen, so genannte Beginen, die in Armut und Gebet Gott dienen wollten.

 

Im Jahre 1479 wurde Ursula Haider aus Valduna in Vorarlberg nach Villingen gerufen, um im Bickenkloster mit ihren Gefährtinnen die Regel der hl. Klara einzuführen. Das Villinger Klarissenkloster bestand bis 1782, als eine Verordnung des Kaisers Joseph II. befahl, das Klarissenkloster zusammen mit dem in der Nachbarschaft liegenden Kloster der Dominikanerinnen, wie auch alle anderen beschaulichen Klöster, aufzulösen. Schwestern des Lehrordens der Ursulinen aus Freiburg i. Br., die auf die Gesellschaft der hl. Ursula zurückgehen, die Anne de Xainctonge in Dôle/Frankreich gegründet hatte, zogen in das alte Kloster ein und nahmen einige ehemalige Klarissen und Dominikanerinnen in ihren Orden auf. 1782 war das Geburtsjahr der Schule St. Ursula.

 

Das Angebot des „Lehr- und Erziehungsinstituts St. Ursula“ richtete sich nach den Erwartungen der Stadt Villingen, die seine Gründung gewollt hatte, und nach den Bedürfnissen der Zeit, Mädchen eine umfassende Ausbildung zu geben. Die Schwestern von St. Ursula unterrichteten sowohl in der staatlichen Mädchenvolksschule (heutige Klosterringschule), als auch in verschiedenen Schulzweigen, die sich in den Räumen des Klosters an der Bickenstraße entwickelten. In den so genannten Pensionatskursen, die ein Programm von drei Jahren umfassten, gab es schon vor über 100 Jahren unter anderem Noten für Fleiß, Schönschreiben, Singen, Klavier, Violine, Turnen und Handarbeit.

 

 

Klarissenkloster (T) mit Kloster der Dominikanerinnen (Ausschnitt aus dem "Grupp'schen Plan" um 1690)

 

Internat und Lehrinstitut für Mädchen

 

Bald wünschten sich auch auswärtige Schülerinnen, ihre Schulbildung hier fortzusetzen. Für sie richtete man ein Internat ein, das bis zu 60 Mädchen aufnehmen konnte. Neubauten und der Erwerb der an die Klosterschule anschließenden Gebäude wurden ab 1841 notwendig.

 

Der Hitlerstaat, der keine klösterlichen Schulen duldete, ließ 1940 auch die Schule St. Ursula schließen. Das Gebäude diente als Lager für Auslandsdeutsche, als Lazarett und als Quartier für ausgesiedelte Menschen.

 

Von der französischen Besatzungsmacht erhielt St. Ursula schon 1945 die Freiheit, seine Schulzweige wieder einzurichten. Progymnasium, Handelsschule (später Wirtschaftsschule) und Internat füllten sich wieder und erhielten bald die staatliche Anerkennung. 1972 wurde die Schule durch eine Turnhalle mit Bühne, die auch für Feste und Aufführungen genutzt werden konnte, und durch einen Bau an der Bärengasse, den so genannten „Bärenbau“, erweitert. In ihm waren ein Physik- und Chemieraum und die Klassenräume für die zweijährige Wirtschaftsschule untergebracht.

 

 

Fassade des Lehrinstituts um 1900

 

Progymnasium, Realschule, Tagesschule

 

Den Bedürfnissen der Zeit entsprechend, konnte 1979 unter der damaligen Schulleiterin Sr. Gisela Sattler ein Realschulzweig eingerichtet werden. Internat und Wirtschaftsschule waren seit der Anbindung des ländlichen Raumes durch Schulbusse an Städte mit Schulzentren nicht mehr so gefragt, so dass der Schulträger, das Kloster St. Ursula, beide Einrichtungen Mitte der 1980er-Jahre auslaufen ließ. Dafür entstand die Tagesschule mit Hausaufgabenbetreuung. Die Schließung des Internats brachte der Schule zusätzliche Räume, nachdem sie durch den Erweiterungsbau in der Bärengasse schon seit 1972 Räume für die Naturwissenschaften gewonnen hatte.

 

Im Jahre 1986 erfuhr die Schule eine tiefgreifende Veränderung, weil in den fünften Klassen zum ersten Mal Jungen aufgenommen und die Geschicke der Schulen erstmals in den Händen eines weltlichen Schulleiters lagen.

  

 

Vom Kloster zur Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg

 

Viele Schulen, die seit ihrer Entstehung in klösterlicher Trägerschaft gewesen waren, gerieten in personelle und finanzielle Schwierigkeiten. Um diese Schulen zu erhalten, gründete die Erzdiözese Freiburg 1988 eine Schulstiftung. In ihre Trägerschaft übergab die Superiorin des Klosters St. Ursula, Sr. Eva Maria Lapp, am 1. Januar 1990 die Schulen von St. Ursula.

 

Seit 1990 auf eine neue, abgesicherte Basis gestellt, leisten die Villinger St. Ursula-Schulen nach wie vor aus der von der Mutter Anne de Xainctonge begründeten Schultradition heraus ihre neuzeitliche Erziehungs- und Bildungsarbeit auf dem Fundament christlicher Weltanschauung und Wertordnung. Die Berührung mit dem Klosterbereich, der Raum der Klosterkirche und die erhaltenen sakralen Kunstwerke der Vorgängerklöster führen „die besondere kirchliche Ausrichtung“ der Villinger St. Ursula-Schulen im Bickenkloster deutlich vor Augen.

 

Bei der umfangreichen Grundsanierung der Schulgebäude von 1992 bis 1997 stand deshalb stets das Motto „Tradition bewahren – Zukunft bereiten“ im Vordergrund. Es entstanden eine große, helle Aula mit Bühne, eine neue Sporthalle und ein neuer Eingangsbereich. Die alte Bausubstanz wurde zum Teil entkernt, aus den ehemaligen Internatsräumen wurden neue Klassenzimmer. Im Erdgeschoss konnten ein Lehrerzimmer, eine Lehrerbibliothek, ein Elternsprechzimmer und Werkräume geschaffen werden.

 

 

Eingangsportal von Kloster und Schule

 

Im Gymnasium bis zum Abitur

 

Unter dem damaligen Schulleiter Dr. Josef Oswald fiel, in Absprache mit der Erzdiözese Freiburg, schon bald der Entschluss, das Progymnasium St. Ursula zu einem Gymnasium auszubauen, das bis zum Abitur führt. Das erste Abitur am St. Ursula-Gymnasium fand 2006 statt und im Schuljahr 2003/04 starteten die ersten G 8-Klassen, die 2012 an St. Ursula ihr Abitur ablegen. Eingerichtet wurden ab Klasse 8 ein musisches Profil (Profilfach Musik), ein mathematisch-naturwissenschaftliches Profil (Profilfach Naturwissenschaft und Technik) und ein sprachliches Profil (Profilfach Latein). Aus Platzgründen bedeutete dies aber gleichzeitig, die Realschule einzügig zu führen.

 

Mit Hilfe des Klosters St. Ursula gelang es 2009, den Schulhof mit seiner prägenden Kastanie ansprechend zu erneuern und schülerfreundlich zu gestalten. Der „Kastanienhof“ und die Schulaula bieten ein ideales Ambiente für die Schulfeste, die alle zwei Jahre vom „Freundeskreis der St. Ursula-Schulen“ veranstaltet werden.

 

Im Rahmen des Konjunkturförderprogramms des Landes konnten 2009 bis 2011 im so genannten „Bärenbau“ Dach und Fassade wärmegedämmt, Fenster erneuert und Innenraumrenovierungen durchgeführt werden. Schon im Jahr 2008 erhielt der „Bärenbau“ in seinem Obergeschoss einen komplett eingerichteten Raum für das Profilfach NwT (Naturwissenschaft und Technik).

 

Heute besuchen über 600 Schülerinnen und Schüler die St. Ursula-Schulen am Villinger Bickentor. „Tradition bewahren – Zukunft bereiten“, das galt für das Lehrinstitut St. Ursula früher und gilt für die St. Ursula-Schulen noch heute.

 

 Klaus Nagel, 1. März 2011

 

 

 

St. Ursula im Jahr 2017: Die Vergangenheit des Klosters und die Zukunft der Schule

Blick durch das Klosterportal in den Innenhof von St. Ursula

 

 

Am 15. Juli 2015 beging St. Ursula einen denkwürdigen Tag. Nach fast 800 Jahren Klostergeschichte am Bickentor fand eine feierliche Verabschiedung der letzten Ursulinenschwestern statt. Die letzte Superiorin, die damals 80-jährige Sr. M. Roswitha Wecker, begab sich mit dem letzten Klostergeistlichen, ihrem Cousin und Redemptoristenpater Hermann Fuchs, in eine Wohngemeinschaft im Seniorenheim St. Lioba. Kirchenrechtlich wurde sie zusammen mit Sr. M. Siegrun Schachtner vom Ursulinenkonvent Brig im Schweizer Wallis aufgenommen, der mit dem Villinger Ursulinenkloster in der Föderation der Ursulinen nach der Regel von Anne de Xainctonge verbunden war. Sr. Siegrun verlegte auch ihren Lebensmittelpunkt nach Brig, obwohl sie in Villingen aufgewachsen war und noch enge verwandtschaftliche Bindungen hierher hat.

 

 

Vor dem Gottesdienst zur Auflösung des Klosters im Villinger Münster (von links:) Sr. M. Siegrun Schachtner, Frau Superiorin Sr. M. Roswitha Wecker und Pater Hermann Fuchs CSsR

 

Würdigung der Klostergeschichte

 

Bei einem feierlichen Gottesdienst im Münster Unserer Lieben Frau erinnerte der Bischofsvikar für das Ordenswesen in der Erzdiözese Freiburg, Weihbischof Dr. Michael Gerber, an das reiche klösterliche Leben, das mit dem letzten aktiven Villinger Kloster zu Ende ging. Er würdigte die pädagogische Arbeit der Ursulinen als Schonraum, in dem Kinder und Jugendliche heranwachsen konnten, und gleichzeitig ihre Bildungsarbeit als „Tor zur Welt“. Mit ihrer Gemeinschaft hätten die Schwestern in die Biographien unzähliger junger Menschen investiert.

 

Beim anschließenden Festakt in der Aula der Schule betonte der Direktor der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg, Dietfried Scherer, dass die Übertragung der Schule vom Kloster an die Stiftung bereits im Jahr 1990 erfolgt war. Damit war St. Ursula Villingen eine der ersten Schulen in der seither erfolgreichen Schulstiftung. Der Übergang sei in weiser Voraussicht zu einem Zeitpunkt erfolgt, als das Kloster noch aktiv handelnd die Entwicklung gestalten konnte. Der ehemalige Dekan und Münsterpfarrer, Ehrendomherr und Geistlicher Rat Kurt Müller, blätterte in seinem Grußwort gleichsam in einem „geistigen Album“ persönlicher Verbindungen zum Kloster. Er erinnerte an das Gelübde der Schwestern im Bickenkloster, das Psalmgebet um den Frieden und die Bewahrung von Sicherheit und Freiheit der Stadt zu pflegen. Auch bat er darum, die Klosterkirche mit dem Grab der Seligen Ursula Haider als „spirituellen Stützpunkt“ der Stadt zu erhalten. Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon zeigte sich in seinem Grußwort davon überzeugt, dass die neuen Bewohner der Klosterräume vielleicht weniger still, aber nicht weniger intensiv dabei sein würden, im Sinne des II. Vatikanischen Konzils aus der Berufung aller Christen die Aufgabe der Ordensschwestern zu ihrer eigenen zu machen.

 

Mit der Schließung des Klosters kam nicht nur der Villinger Ursulinenkonvent zu seinem Ende. Seit Ende des 18. Jahrhunderts hatte am Bickentor das Lehrinstitut für Mädchen bestanden. Zuvor hatte an dieser Stelle rund 300 Jahre eine klösterliche Gemeinschaft nach der Regel der Klarissen gelebt. In unmittelbarer Nachbarschaft, an der Stelle der heutigen Klosterringschule, hatten die Dominikanerinnen ihre Kirche und ihren Konvent. Beide Gemeinschaften wurzelten auf Beginensammlungen, deren Ursprünge etwa 800 Jahre zurückverfolgt werden können. Mit der Josephinischen Reform im Jahr 1782 mussten Klarissen und Dominikanerinnen ihre Klöster aufgeben; die Umwandlung von St. Klara zu St. Ursula – mit Starthilfe der Ursulinen aus Freiburg i. Br. – war die Chance, das klösterliche Leben am Bickentor fortzusetzen. St. Ursula war seither ein autonomes Kloster, das keiner übergeordneten Direktion unterworfen war. Mit seiner Schließung im Jahr 2015 erlosch daher tatsächlich eine eigene Ordensgemeinschaft.

 

 

Sr. M. Siegrun am Tag ihres Auszugs vor der Fassade von St. Ursula in der Bickenstraße

 

Amtliche Auflösung des Klosters

 

Superiorin Sr. M. Roswitha hatte die Auflösung des Klosters zum 1. August 2015 als einer Ordensgemeinschaft bischöflichen Rechts frühzeitig beim Erzbischof von Freiburg angezeigt. Das Ordinariat wollte sich den Vorgang allerdings von der römischen Kurie bestätigen lassen. Das Dekret der „Päpstlichen Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens“ ließ jedoch bis zum 22. Januar 2016 auf sich warten. Danach wurde die Klosteraufhebung am 1. März 2016 im Amtsblatt der Erzdiözese Freiburg bekannt gegeben. Die Auflösung der Körperschaft im staatsrechtlichen Sinn wurde mit Bekanntgabe des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg vom 15. März 2016 vollzogen.[1]

 

Die Schwestern und Pater Fuchs hatten jedoch schon pünktlich zum 1. August 2015 ihre Wohnungen verlassen. Sr. M. Roswitha hatte danach noch so manche Gänge zu erledigen, so dass sie in den folgenden Monaten ihre Abstecher von St. Lioba in die Stadt immer wieder mit Besuchen im Kloster und in der Schule verband. Sr. M. Siegrun vollzog bereits am 20. Juli mit einem kleinen Transporter ihre Auswanderung in die Schweiz, wobei ihr die Schulgemeinschaft in der Bickenstraße zum Auszug zuwinkte.

 

 

St. Ursula-Schulen in der Schulstiftung der Erzdiözese

 

Mitte der 1980er-Jahre stand es nicht gut um die St. Ursula-Schulen. Seit Jahrzehnten war keine Frau mehr in das Kloster eingetreten, so dass die institutionelle und ökonomische Basis zum Betrieb des Progymnasiums nicht auf Dauer gesichert schien; an einen Ausbau zum Gymnasium mit Oberstufe war nicht zu denken. Zwar hatte sich die Entscheidung, die Wirtschaftsschule zugunsten eines Realschulzweigs aufzugeben, als richtig erwiesen. Doch konnte das kostenintensive Internat nicht gehalten werden. Die damalige langjährige Superiorin Sr. Eva-Maria Lapp wandte sich daher an das Ordinariat, wo soeben der damalige Referent für den Religionsunterricht und die kirchlichen Schulen, Dr. Adolf Weisbrod, die Idee einer Schulstiftung entwickelt hatte.

 

Mit Gründung der Schulstiftung im Dezember 1988 war klar, dass St. Ursula Villingen als eine der ersten Schulen in Ordensträgerschaft zu dieser Stiftung wechseln würde. Mit Wirkung vom 1. Januar 1990 wurde der Trägerwechsel vollzogen. Das war für die Schule die entscheidende Perspektive, in eine erfolgreiche Zukunft geführt werden zu können. Gleichzeitig war jedoch allen bewusst, dass damit ein Umbruchprozess begann, an dessen Ende die Schließung des Klosters stehen würde.

 


[1] veröffentlicht in „Kultus und Unterricht“, Amtsblatt des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, Ausgabe A, Nr. 9 vom 2. Mai 2016, S. 151

 

 

Die Schulgemeinschaft im Innenhof mit den Schwestern im Frühjahr 2015

 

Umbruchsituation bereits vor 30 Jahren

 

Zur Sicherung der Schule waren schon 1986 wichtige Weichen gestellt worden: Das Internat wurde geschlossen und dafür eine Tagesschule, der heutige Hort an der Schule, eingerichtet. Nach fast genau 200 Jahren, in denen St. Ursula sich um die Bildung und Erziehung ausschließlich von Mädchen gekümmert hatte, wurde die Koedukation eingeführt. Die letzte Ursulinenschwester in der Leitung, Studiendirektorin Sr. M. Gisela Sattler, übergab das Zepter an einen Laien, Realschulrektor Herbert Kuon. Im Sommer 1990 übernahm Oberstudiendirektor Dr. Josef Oswald für 16 Jahre das Zepter. In seine Ära fallen die grundlegende Sanierung des gesamten Schulgebäudes mit dem Neubau der Aula, der Beschluss zum Ausbau des Progymnasiums zu einem vollwertigen allgemeinbildenden Gymnasium mit musischem Profil und der Aufbau der gymnasialen Oberstufe bei gleichzeitiger Rückführung der Realschule auf einen einzügigen Zweig.

 

Die Investitionen der Schulstiftung zeigten bald Wirkung: Schon in den 1990er-Jahren genossen Progymnasium und Realschule einen zunehmend guten Ruf. Mit dem ersten Abitur 2006 und in den Jahren danach reihte sich auch das Gymnasium als gleichberechtigter Partner in die Gruppe der höheren Schulen im Regierungsbezirk Freiburg ein. Das hohe Niveau der Abschlussprüfungen in Realschule und Gymnasium ist seit Jahren anerkannt.

 

Mit großer Dankbarkeit durfte indessen die Schulgemeinschaft das große Wohlwollen des Konvents gegenüber der Schule weiterhin erleben. Angefangen von der Teilnahme der Schwestern an Höhepunkten des Schullebens über die gleichbleibende Begleitung und Mitgestaltung der Schulseelsorge bis hin zu den Feiertagsgeschenken für die Lehrerinnen und Lehrer – allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft war täglich bewusst, dass sie nach wie vor eine „Klosterschule“ waren. Da der Konvent immer noch Eigentümer des gesamten Gebäudeensembles von Kloster und Schule war, mussten sämtliche Baumaßnahmen mit dem Kloster abgestimmt werden – bis hin zur Neugestaltung des Innenhofs im Jahr 2008. Das Kloster gab hierzu erhebliche finanzielle Mittel frei.

 

 

Bei der Segnung der neuen Schulräume nach dem ersten Bauabschnitt: Weihbischof Dr. Michael Gerber mit (von links) Stiftungsdirektor Dietfried Scherer, Sr. M. Siegrun, Sr. M. Roswitha

 

Die Veränderung des Klostergebäudes

 

Nach Auflösung des Klosters ging das gesamte Gebäude in die Obhut des Erzbischöflichen Ordinariats über. Die Erzdiözese hatte zugesichert, den Willen der Schwestern zu erfüllen und den größten Teil des Ensembles den St. Ursula-Schulen zur Nutzung zu überlassen. In diesem Sinn wird St. Ursula jetzt fast vollständig von der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg betreut.

 

Der mittlere Stock des Ostflügels mit den aufwändiger ausgestatteten Räumen, wie dem Amtszimmer der Superiorin, soll weitgehend in seinem historischen Zustand belassen bleiben. Die Schule kann diesen Bereich nicht für Unterrichtszwecke nutzen, allenfalls zur Anschauung für die Schülerinnen und Schüler, wie das Kloster einmal ausgesehen und gewirkt hat. Diese Regelung wurde noch zu Lebzeiten der früheren Superiorin Sr. Eva-Maria zwischen Kloster, Schulstiftung und Schule sowie dem Ordinariat und dem Landesdenkmalamt vereinbart. Für die Klosterkirche wurde durch Vermittlung von Weihbischof Dr. Michael Gerber die Verabredung getroffen, dass sie von der Seelsorgeeinheit Villingen betreut wird.

 

Angestoßen durch neue Brandschutzvorschriften, haben die Schwestern schon seit 2009 eine grundsätzliche Sanierungs- und Umbauplanung akzeptiert. Die Planung wurde der Freien Architektin Martina Münster aus Mönchweiler anvertraut, die auf der Basis zahlreicher Gespräche mit Schule und Schulstiftung den aktuellen Gesamtplan erarbeitet hat. Auch die Behörden, wie das Baurechtsamt oder die Denkmalämter verschiedener Ebenen, sowie die Feuerwehr waren von Anfang an einbezogen, so dass schon gleich nach Auflösung des Klosters in den Sommerferien 2015 mit den ersten Baumaßnahmen begonnen werden konnte.

 

Die räumlichen Pläne der Schule

 

Der Umbau erfolgt in drei Bauabschnitten zu je zwei Jahren. Er betrifft nur zu einem kleineren Teil den bisherigen Bereich der Schule. Der erste Bauabschnitt ist bereits abgeschlossen. Er hat den Nordflügel, das bisherige Wirtschaftsgebäude, umgestaltet. Im Erdgeschoss entstand eine zweite Passage vom Innenhof in den hinteren Hof – eine Forderung der Feuerwehr, wodurch gleichzeitig der hintere Schuleingang verbessert wurde. Die bisherige Klosterküche nebenan wurde von Grund auf saniert und bedient seit Herbst 2016 eine sehr erfolgreiche Mensa, die der ganzen Schulgemeinschaft zur Verfügung steht. Sie wurde im Erdgeschoss des Ostflügels in den Räumen des bisherigen Refektoriums und des „Fernsehzimmers“ der Schwestern angelegt. Aus den Räumen in den beiden Obergeschossen des Wirtschaftsgebäudes, wo zuvor die Klosterbibliothek, Wasch- und Bügelzimmer untergebracht waren, entstanden zwei große Klassenzimmer und ein Lernatelier. An der rückwärtigen Seite hat zudem ein neues Treppenhaus dem hinteren Eingang der Schule ein neues Gesicht verliehen.

 

Der Abschluss dieses ersten Bauabschnittes wurde am 6. Oktober 2016 in einer kleinen Andacht der Schulgemeinschaft mit Weihbischof Dr. Michael Gerber auf dem Schulhof gefeiert. In Anwesenheit der letzten Klosterbewohner gratulierte Stiftungsdirektor Dietfried Scherer zum gelungenen Umbau mit den Worten: „Mit den neuen Räumen ist St. Ursula Villingen ein Premium-Standort der Schulstiftung!“

 

Im zweiten Bauabschnitt, der im Juli 2017 begonnen hat, wird der Westflügel über der Sporthalle umgestaltet. Wo sich früher die neueren Klosterzellen sowie einige Gasträume befanden, sollen im unteren Bereich weitere zwei Klassenzimmer und ein Naturwissenschaftsraum, im oberen Stockwerk unter dem Dach Lehrerarbeits- und -besprechungsräume eingerichtet werden. Einigermaßen auffällig wird die außenliegende Galerie sein, durch die künftig der Bärenbau mit dem Nordflügel verbunden wird. Der Innenhof des Bärenbaus muss eine Fluchttreppe erhalten. Für den anschließenden Fluchtweg ist neben der Bärenbautreppe ein Durchbruch vorgesehen.

 

Der letzte Bauabschnitt gilt dem Ostflügel, wo im oberen Geschoss der Ganztagsbereich für die Schule entsteht. Zwei große Räume werden den Hort beherbergen. Mehrere kleinere Räume nebenan stehen dann den Schülerinnen und Schülern für verschiedene Zwecke zur Verfügung. Auf dem Flur können zudem Lerninseln für Arbeitsgruppen und Einzelstudium genutzt werden. Solange dieser Bauabschnitt nicht beendet ist, muss der Ostflügel gesichert und „stillgelegt“ bleiben.

 

 

Neue Gedenktafel zur Klostergeschichte im Nordportal

 

Die Zukunft der klösterlichen Tradition

 

Diese Pläne – so rücksichtsvoll und kompromissbereit sie sind – zeigen doch mit einer gewissen Härte, dass mit der Auflösung des Konvents auch das Kloster nicht mehr existiert. Das Schulleben danach aus einem klösterlichen Geist heraus zu gestalten, ist wohl schon allein deshalb nicht möglich, da die Spiritualität christlicher Laien – so intensiv sie auch sein mag – stets eine andere ist als die einer Ursulinenschwester.

 

Dennoch sind einige Traditionen in St. Ursula weiterhin lebendig: Die Religionslehrerinnen und -lehrer beider Konfessionen haben sich darauf verständigt, in den Schülergottesdiensten, wo immer es passt, ein Psalmgebet einzuplanen. Damit soll an die Jahrhunderte alte Fürbitte erinnert werden, die seit der Seligen Ursula Haider von den Klarissen und den Ursulinen gepflegt wurde. Auch haben die Religionslehrerinnen und -lehrer beschlossen, die Verantwortung für die wöchentlichen Gottesdienste zu übernehmen, seitdem kein Priester mehr zur Verfügung steht, so dass jede Woche ein Klassengottesdienst stattfinden kann. Bei der Schülerneuaufnahme kommt stets ein Kriterium zum Tragen, das für die St. Ursula-Schulen bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts wichtig und keineswegs allgemein üblich war: Evangelische Schülerinnen, später auch nichtchristliche, z. B. jüdische Mädchen, haben ganz selbstverständlich Aufnahme in Schule und Internat gefunden. Dieser ökumenische Geist soll weiter gelten und die Tür für nichtchristliche Schülerinnen und Schüler offen bleiben. – Und bestimmt wird sich auch jemand finden, der zu besonderen Gelegenheiten die „Klosterguetili“ backen kann.

 

Spricht man in der Stadt mit älteren Villingerinnen, die durch die Schule von St. Ursula gegangen sind, dann fällt immer wieder auf, wie sehr sich die Schwestern um ihre Schülerinnen gekümmert haben. Dieses „Kümmern“ um die Schülerinnen und Schüler, auch und gerade in ihrem „Kummer“, ist – das darf man selbstbewusst sagen – nach wie vor ein Kennzeichen der St. Ursula-Schulen geblieben und sollte auch in Zukunft das Herzstück der schulischen Arbeit sein.

 

 

Besiegelung der Bildungspartnerschaft mit MISEREOR in der Aula der Schule (von links:) Monsignore Pirmin Spiegel (Hauptgeschäftsführer von MISEREOR), Luisa Hebsacker, Ulrike Wahr und Anna Trilken (Weltladenteam) sowie Johannes Kaiser (Schulleiter)

 

Eine neue Identität in der Schulstiftung

 

Zwar haben die St. Ursula-Schulen ihre ursulinische „Patina“[1] bewahrt und werden sie weiter pflegen. Doch seitdem sie der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg angehören, wurden die Strukturen in den Gremien, in den Arbeitsverhältnissen, in der Schulausstattung, in der Schulorganisation und in vielen anderen Bereichen mit den anderen Stiftungsschulen harmonisiert, oft sogar angeglichen. Manches, was die Villinger „Patina“ ausmacht, passt allerdings sehr gut zum Anspruch der Schulstiftung und hat den anderen Stiftungsschulen Impulse gegeben, z. B. im Hinblick auf schulische Projekte zur Nachhaltigkeit, für die der 30jährige Weltladen von St. Ursula zum Vorbild geworden ist. Seit November 2015 ist St. Ursula eine „Fairtradeschool“, und seit April 2015 verbindet die Schule eine Bildungspartnerschaft mit dem kirchlichen Hilfswerk MISEREOR.

 

Eine grundsätzliche Idee der Ordensgründerin Anne de Xainctonge kann ein täglicher Ansporn in der schulischen Arbeit sein. Sie sah bei der Gründung ihres Schulordens das Vorbild der Jesuiten in der Nachbarschaft ihres Elternhauses, die für die Erziehung der Jungen nicht nur eine theologisch reflektierte Weitergabe des christlichen Glaubens anstrebten, sondern auch das Wissen auf höchstem wissenschaftlichen Niveau unterrichten wollten. Was die Jesuiten für die Jungen taten, wollte Anne für die Mädchen erreichen. Der koedukativen Ursulinenschule von heute sind beide Ziele ständig vor Augen, und sie passen nahtlos in die Ziele der Schulstiftung, ein hervorragendes Bildungsangebot für junge Menschen mit christlicher Fundierung zu sein.

 

Ein Meilenstein in der wirtschaftlichen Sicherung der Schule gelang der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der Freien Schulen in Baden-Württemberg im Frühjahr 2017. Das Schulgesetz wird künftig festschreiben, dass das Land Baden-Württemberg den freien Schulträgern 80 Prozent der Kosten, die für einen Schüler an einer öffentlichen Schule aufgebracht werden müssen, als Zuschuss zur Verfügung stellt. Damit ist eine Jahrzehnte lange Unsicherheit über die verfügbaren Mittel in eine zuverlässige Perspektive verwandelt. 

 

In diesen Monaten streben die St. Ursula-Schulen als Bindeglied zwischen Realschule und Gymnasium die Einrichtung eines dreijährigen Aufbaugymnasiums als „Aufsetzer“ auf die Realschule an. Dieser Schulzweig soll leistungsstarken Realschülerinnen und -schülern den Übergang in die Kursstufe des allgemeinbildenden Gymnasiums eröffnen, mit allen Möglichkeiten der Kurswahl in den musischen und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern. Damit soll auch dem Wunsch zahlreicher Realschülerinnen und Realschüler nachgekommen werden, bis zum Abitur in der Schulgemeinschaft von St. Ursula verbleiben zu können.

 


[1] Der Ausdruck stammt in diesem Zusammenhang von Dr. Adolf Weisbrod, dem „Erfinder“ und ersten Direktor der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg.

 

 

Lebendiger Schulhof

 

"Gemeinsam LEBEN lernen"

 

Was den Erziehungsauftrag der Stiftungsschulen betrifft, gelten verstärkt und unmittelbar die „Qualitätskriterien für Katholischen Schulen“, wie sie die deutschen Bischöfe 2009 formuliert haben.[1] Der frühere Erzbischof Dr. Robert Zollitsch hat sie auf der Basis der Erklärung „Gravissimum educationis“ des II. Vatikanischen Konzils[2] folgendermaßen zusammengefasst: Eine Katholische Schule muss ein Hort der Freiheit, eine gute Gemeinschaft und ein Ort der Gottesbegegnung sein.[3] Diese Ziele finden sich wieder im Leitbild der St. Ursula-Schulen, wo es heißt: „Als Geschöpfe Gottes sind wir Menschen frei, unser Leben und die Welt zu gestalten. […] Wir respektieren und fördern die Ganzheitlichkeit aller Menschen in ihrer jeweiligen Individualität, ihrer geschichtlichen Herkunft und ihrem gemeinschaftlichen Zusammenleben in Gesellschaft, Staat und Kirche. […] Dies erfordert […] die Offenheit für Transzendenz.“[4]

 

Nach der Grundordnung der Schulstiftung gilt für alles schulische Wirken diese Ausrichtung am biblisch-christlichen Menschenbild. Sie bewährt sich in der täglichen Begegnung, im täglichen „Kümmern“ ebenso wie in der Bildungs- und Erziehungsarbeit nach den jeweiligen Gesetzen und Bildungsplänen des Landes. Bei allen Veränderungen der Bildungslandschaft und der Gesellschaft, die in das Wirken der St. Ursula-Schulen Villingen hineinreichen, wird die Schulgemeinschaft gelassen bleiben und sich stets von der Frage leiten lassen, was den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die den Lehrerinnen und Lehrern anvertraut sind, letztlich zu einem guten Leben im Geist Jesu verhilft. In diesem Sinne wollen die St. Ursula-Schulen ihrem Slogan gerecht werden, dass Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer hier „gemeinsam LEBEN lernen“.

 

Johannes Kaiser, August 2017

 


[1] Die deutschen Bischöfe, Qualitätskriterien für Katholische Schulen. Ein Orientierungsrahmen, hrsg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Die deutschen Bischöfe, 90). Bonn 2009. PDF-Download unter http://www.dbk-shop.de/de/Deutsche-Bischofskonferenz/Die-deutschen-Bischoefe/Hirtenschreiben-und-Erklaerungen/Qualitaetskriterien-fuer-Katholische-Schulen.html, abgerufen am 12.08.2017

[2] Erklärung „Gravissimum educationis“ des II. Vatikanischen Konzils über die christliche Erziehung vom 28. Oktober 1965, http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_gravissimum-educationis_ge.html, abgerufen am 12.08.2017

[3] vgl. Erzbischof Robert Zollitsch, Kirchliche Perspektive: Zum Erziehungsauftrag Katholischer Schulen, in: engagement. Heft 3/2011, S. 146-150 (hier: S. 149)

[4] http://www.st-ursula-schulen-villingen.de/schulprofil/leitbild/

 

 

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