NS-Euthanasie-Verbrechen exemplarisch dargestellt

 

Mit einem Referat im Geschichtsunterricht unseres Kollegen Heinrich Schidelko hatte es begonnen. Punita Müller und Hewen Ibrahim (Kursstufe 2) hatten sich auf das Thema „NS-Euthanasie-Verbrechen“ eingelassen, ohne zunächst eine Vorstellung davon zu haben, worum es ging. Dann begriffen sie, welches Ausmaß an Unmenschlichkeit mit der „Tötungsanstalt“ Grafeneck in gar nicht weiter Ferne erlebbar wird. Noch eindringlicher wurde ihnen die Perfidie des NS-Menschenbildes bewusst, als sie von der Verstrickung der nahe gelegenen Kreispflegeanstalt Geisingen in das „Euthanasie“-Programm der Nazis erfuhren.

Hewen und Punita beschäftigten sich mit zwei exemplarischen Lebensbildern von ermordeten Insassen aus Geisingen. Ihre Arbeit ging schließlich auf zwei Roll-ups in die Ausstellung „NS-Euthanasie-Verbrechen – Die ‚Tötungsanstalt‘ Grafeneck und die Kreispflegeanstalt Geisingen“ ein. Sie wurden einen Monat lang im Foyer des Landratsamts des Schwarzwald-Baar-Kreises gezeigt.

Im Begleitprogramm der Ausstellung präsentierten Landrat Sven Hinterseh und Kreisarchivar Clemens Joos mehrere Veranstaltungen, deren letzte in einem „Generationengespräch“ zum Thema „Fragen an gestern – heute, morgen“ bestand. Die Fragen stellten Punita und Hewen; die Moderation der Veranstaltung lag in der Hand von Heinrich Schidelko. Er machte deutlich, dass das menschenverachtende Denken über „lebensunwertes Leben“ nicht erst 1933 begonnen hatte und auch nach 1945 nicht aufgehört hat. Neben den geladenen Gesprächsteilnehmern konnte er überraschend einen Zeitzeugen begrüßen: Hubert Schlenker hat seine Tante Anna Maria Schlenker – eines der von den Schülerinnen porträtierten Opfer aus der Region – noch vor ihrer Ermordung in Rottenmünster besucht. Danach habe Jahrzehnte lang die „schamlose Schamhaftigkeit“ zu einer Schuld durch Verschweigen gegenüber den Opfern der NS-Verbrechen geführt.

Die Schülerinnen wollten wissen, wie die heutige Erwachsenengeneration über die NS-Verbrechen an den Behinderten denkt. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Christa Lörcher betonte, dass ein ständiges Aufarbeiten der Verbrechen gegen das Verschweigen notwendig sei, weil in der heutigen Welt ähnliche Verbrechen verübt würden. Der heutige katholische Pfarrer von Geisingen, Adolf Buhl, fand die Beschäftigung mit dem Thema nach wie vor „aufwühlend“, und der Arzt Dr. Hans Keusen wollte „keinen Schlussstrich“ unter diese beschämende Vergangenheit ziehen. Er erinnerte daran, dass schon in den 20er-Jahren viele Ärzte einem sozialdarwinistischen Menschenbild zugeneigt waren und dadurch dem Biologismus der Nazis einen fruchtbaren Boden bereitet hätten. Dr. Keusen gestand damit eine gewissen Verantwortung der Ärzteschaft gegenüber den NS-Verbrechen ein, während Pfarrer Buhl Punitas Frage nach der Rolle der Kirche bei den Vorgängen in Geisingen auswich.

Es blieb Prof. Dr. Friedrich Engelke im Publikum vorbehalten, Geisingen als die „große Ausnahme“ darzustellen, wo sowohl der evangelische Pfarrer Fischer als auch der katholische Pfarrer Weber größtmöglichen Einfluss auf das Pflegeheim genommen hätten, um den Massenmord an den armen, alten, alleinstehenden, „austherapierten“ und nicht arbeitsfähigen Menschen zu verhindern.

Auf die Frage der Schülerinnen, wie man heutigen Jugendlichen die Thematik der „Euthanasie“-Verbrechen nahe bringen könne, berichtete Dr. Keusen von seinem Unterricht bei Krankenpflegeschüler/innen, wo das Phänomen der Wachkoma-Demenz zu ähnlichen Fragestellungen führe wie die Frage nach dem „lebenswerten Leben“. Pfarrer Buhl berichtete von einem Firmanden-Projekt im Behindertenheim, und die Politikerin Lörcher verwies darauf, dass die praktizierte Inklusion in Kindergärten und Schulen die jungen Menschen von vorn herein positiv beeinflusse.

Der Leiter der Diakonie-Behindertenhilfe Fischerhöfe in Hammereisenbach, Walter Riedel, plädierte dafür, möglichst viele Begegnungen zu ermöglichen, um möglichst viele Menschen den Wert des Lebens – auch des behinderten Lebens – entdecken zu lassen. Von Punita gefragt, weshalb uns der Umgang mit psychisch Kranken so schwer falle, äußerte Riedel die Meinung, dass in uns selbst stets eine psychische Erkrankung schlummere; es sei die Angst davor, dem zu begegnen, was in uns schlummert, und zugleich die Angst davor, dass uns diese Begegnung an die eigenen Grenzen bringt.

Eine besondere Brisanz erhielt das Gespräch durch die Frage der Schülerinnen, welchen Zusammenhang die NS-„Euthanasie“-Problematik mit heutigen Fragen der Sterbehilfe und der Präimplantationsdiagnostik besitze. Hewen fragte: „Ermöglicht die PID nicht so etwas wie eine ‚moderne Euthanasie‘?“ Auffällig war die heftige Reaktion des Arztes, der den Zusammenhang „völlig unsinnig“ nannte, und der Politikerin, die die Konsequenzen aus der PID als alleinige Entscheidung der Eltern darstellte, „wozu wir als Gesellschaft nichts sagen können“. Leider wurde die Thematik an dieser Stelle nicht weiter vertieft.

Am Ende betonte Prof. Engelke, dass Hewen Ibrahim und Punita Müller aus eigener Initiative an einem schulfreien Tag mit dem Baden-Württemberg-Ticket nach Grafeneck gefahren seien, um den Ort der tausendfachen Verbrechen selbst zu sehen. Landrat Hinterseh bedankte sich für ihren Beitrag mit zwei Kino-Gutscheinen.

 

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