Abschied vom Kloster nach fast 800 Jahren

 

Mit dem Auszug der letzten Klosterbewohner erlischt das Klosterleben am Bickentor. Es hatte vor fast 800 Jahren mit einer Beginensammlung, einer Wohngemeinschaft alleinstehender frommer Frauen, begonnen und wurde von der seligen Ursula Haider im 15. Jahrhundert zum Kloster St. Klara reformiert. Nach 300 Jahren des beschaulichen Lebens wurden 1782 das Klarissenkloster und das nebenan liegende Dominikanerinnenkloster (heute Klosterringschule) durch die Habsburgerregierung gewaltsam aufgelöst.

Mit Hilfe der Ursulinen von Freiburg i. Br. ließen sich jedoch einige der Nonnen zu einem Lehrorden umwandeln und konnten das Klosterleben weiterführen. Über 200 Jahre haben die Schwestern nach der Regel der Anne de Xainctonge ihr Lehrinstitut unterhalten und für die Bildung unzähliger Mädchen aus der Stadt, aus dem Umland und von weiter her gesorgt. Im Jahr 1990 übergaben sie die Schule an die Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg.

Nachdem jetzt nur noch Superiorin Sr. M. Roswitha Wecker und Sr. M. Siegrun Schachtner, zusammen mit dem Klostergeistlichen, dem Redemptoristenpater Hermann Fuchs, im Kloster verblieben waren, haben die letzten Bewohner ihren Auszug für Ende Juli 2015 geplant. Aus diesem Grund richteten am 15. Juli Schule und Schulstiftung eine Abschiedsfeier aus, bei der die Schulgemeinschaft, die Öffentlichkeit und zahlreiche Ehrengäste das Wirken der Ursulinen in VS-Villingen zu würdigen wussten.

 

Feierlicher Gottesdienst im Münster 

Der Bischofsvikar für das Ordenswesen in der Erzdiözese Freiburg, Weihbischof Dr. Michael Gerber, stand dem feierlichen Gottesdienst im Münster Unserer Lieben Frau vor, der auf Wunsch von Sr. M. Roswitha öffentlich war. Als Konzelebranten wirkten Dekan und Münsterpfarrer Josef Fischer sowie sein Vorgänger in diesen Ämtern Kurt Müller, daneben der Jungpriester und ehemalige St. Ursula-Schüler Holger Cerff sowie Diakon Horst Dyma. Die Liturgie wurde mitgestaltet von Mitgliedern der Schulgemeinschaft: Matthias Eschbach als Kantor und Organist, dem Jungen Chor St. Ursula unter der Leitung von Andreas Puttkammer, den Lektorinnen und Lektoren Angelika Kleijn, Doris Studer-Ehret, Michaela Münch, Klaus Nagel und dem Schülersprecher Bjarne Friedrichsohn sowie elf Ministrantinnen und Ministranten, unter denen die meisten aktuelle oder ehemalige Schülerinnen und Schüler der St. Ursula-Schulen waren.

In seiner Predigt erinnerte Weihbischof Dr. Gerber daran, dass der Start des Ursulinenklosters in der napoleonischen Ära nicht leicht war, dass aber dann ein reiches klösterliches Leben gepflegt wurde, das jetzt zu Ende geht. Er griff die Lage des Klosters am Bickentor und an der Stadtmauer auf und verglich das Wirken der Schwestern mit der Tätigkeit der Stadtwächter auf Turm und Mauer: Ebenso wie die Wächter die Aufforderung Jesu, wachsam zu sein, verwirklichten – so im Evangelium Lk 12,35-48 –, so hätten die Schwestern über ihre Schülerinnen gewacht.

Manchmal sei es auf der rauen Baar ja nötig, die Pflanzen in Gewächshäusern zu schützen. Entsprechend müsse man manchmal auch den Kindern und Jugendlichen Schonräume schaffen, in denen sie heranwachsen können. Einen solchen Schonraum hätten die Schwestern von St. Ursula mit ihrer Schule eingerichtet, so der Weihbischof. Aber gleichzeitig hätten sie auch das Bild vom Bickentor umgesetzt, indem die Schule am Stadttor mit ihrer Bildung für unzählige junge Menschen zum „Tor in die Welt“ geworden sei. „Sie haben mit Ihrer Gemeinschaft in die Biographien junger Menschen investiert“, rief er den Schwestern zu. Seine Predigt beschloss er mit einem Vergleich. Er zeigte, dass es zwischen dem Bickenkloster und dem St. Ursula-Kloster in Brig im Wallis, das für die beiden Schwestern nach Auflösung des Villinger Klosters von großer Bedeutung wird, mehrere auffällige Gemeinsamkeiten gibt, u. a. die Lage an Stadtmauer und Tor. Mit diesem Vergleich wünschte er den Schwestern, insbesondere Sr. M. Siegrun, die nach Brig übersiedelt, dass das Kloster in Brig für sie eine neue Heimat werden möge.

Am Ende des Gottesdienstes ergriff Weihbischof Dr. Gerber noch einmal das Wort, um der versammelten Gemeinde zu erklären, wie die Auflösung des Klosters vonstatten geht. Die Schwestern würden vom Konvent der Ursulinen in Brig aufgenommen, die mit den Villinger Ursulinen in einer Föderation verbunden sind. Kirchenrechtlich ist die Klosterauflösung  innerhalb der Erzdiözese auf den Weg gebracht, aber noch nicht von der römischen Kurie bestätigt. Da dort gerade Ferienzeit sei, so der Weihbischof, könne damit vermutlich erst im Herbst gerechnet werden. Bis dahin kann die Auflösung der Körperschaft im staatsrechtlichen Sinn noch nicht angezeigt und vollzogen werden, so dass Sr. M. Roswitha noch einige Wochen mit der Verwaltung des Klosters zu tun habe. Daher sei es gut, dass sie mit Pater Fuchs in eine Wohngemeinschaft im Villinger Seniorenheim St. Lioba zieht.

Zum Abschied überreichte er den beiden Schwestern ein Licht, das in einen kleinen Sandsteinquader eingelassen war – ein Sandstein, „wie er auch am Freiburger Münster vorkommt“.

 

Festakt in der Aula der Schule

Bei herrlichem Sommerwetter wurden die geladenen Gäste nach dem Gottesdienst unter der Kastanie empfangen. Schülerinnen und Schüler der Klasse 9 R sorgten unter Anleitung unserer Kollegin Birgit Collet-Abberger für Fingerfood und Getränke. Gegen Mittag begann der Festakt zur Verabschiedung der letzten Bewohner des Klosters durch Schule und Schulstiftung, von der Stiftungsdirektor Dietfried Scherer, Geschäftsführerin Andrea Mayer sowie Herr Norbert Kopp als Vertreter der Personalabteilung anwesend waren. Für den musikalischen Rahmen sorgte das Schulorchester unter der Leitung unserer Kollegin Ursula Schwab-Rittau mit Ausschnitten aus Händels Feuerwerksmusik, dem Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms und mit der Ouvertüre aus „Der Barbier von Sevilla“ von Giaccomo Puccini.

Schulleiter Johannes Kaiser konnte die Klassensprecher und Elternvertreter aus allen Klassen, das aktive Kollegium und ehemalige Kollegen, die ihren Arbeitsvertrag noch mit dem Kloster geschlossen hatten, allen voran der ehemalige Direktor von St. Ursula Dr. Josef Oswald, sowie Vertreter der schulnahen Vereine und die Geschwister von Sr. M. Siegrun begrüßen. Auch ehemalige Vorsitzende des Elternbeirats und der Vereine waren der Einladung gefolgt. Vonseiten des kirchlichen Lebens waren außer dem Weihbischof mehrere Priester gekommen, die immer wieder in der Klosterkirche Gottesdienst gefeiert hatten, sowie der Dekan des evangelischen Dekanats Villingen. Das  öffentliche Leben nahm Anteil in Person des Oberbürgermeisters und mehrerer Amtsleiter der Stadt Villingen-Schwenningen, des Ersten Landesbeamten des Landkreises Schwarzwald-Baar und mehrerer Vertreter der Schulbehörden sowie mehrerer Schulleiter der Nachbarschulen, darunter jeweils auch ehemalige Vertreter, die mit dem Kloster freundschaftlich verbunden waren.

Das erste Grußwort sprach der Direktor der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg Dietfried Scherer. Er erinnerte daran, dass die vormalige Superiorin Sr. M. Eva-Maria Lapp schon vor fast genau 25 Jahren die Schule an die Schulstiftung übergeben hatte. Damit war St. Ursula Villingen eine der ersten Schulen in der seither erfolgreichen Stiftung, und der Übergang sei in weiser Voraussicht zu einem Zeitpunkt erfolgt, als das Kloster noch aktiv handelnd die Entwicklung gestalten konnte. Der Stiftungsdirektor dankte den beiden noch verbliebenen und jetzt zu verabschiedenden Schwestern, stellvertretend für alle Schwestern davor, für über 230 Jahre wertvolle Bildungsarbeit, für alles „ideelle, personelle und materielle Engagement“. Im Blick auf Sr. M. Roswitha und Sr. M. Siegrun betonte er, dass die Schule für sie immer die erste Priorität gehabt habe und sie diese mitgeprägt hätten. „Sie werden hier im Kloster fehlen, aber die Erinnerung an Sie wird nie fehlen.“ Ihre Sendung als Mitglieder des Schulordens der Ursulinen werde durch die Schulstiftung in zeitgemäßer Form weitergeführt. Schließlich dankte er Sr. M. Roswitha dafür, dass sie dem Stiftungsrat der Schulstiftung noch für einige Zeit erhalten bleibe.

In einem zweiten Grußwort blätterte – wie er sagte – der ehemalige Dekan und Münsterpfarrer Ehrendomherr und Geistlicher Rat Kurt Müller mit launigen Worten in einem „geistigen Album“, worin er die Erinnerung an 70 Jahre eigener Erlebnisse mit dem Kloster St. Ursula gesammelt hat. Als Jugendlicher lebte er in der Nachbarschaft der Familie von Sr. M. Siegrun und der Häuser, die das Kloster in der Goethestraße vermietet hatte. Er ist bei Sr. M. Augustina in die Schule gegangen und hat als junger Vikar den Religionsunterricht des damaligen Dekans Weinmann am Lehrinstitut vertreten. Im Münster-Pfarrbüro hatte er später mit der „allmächtig aktiven“ Sr. M. Luitgard zu tun und pflegte samstägliche Treffen mit den Klostergeistlichen Pater Wecker und Pater Fuchs. Der Altdekan erinnerte an das Gelübde der Schwestern von St. Klara und St. Ursula, das Psalmgebet um den Frieden und die Bewahrung von Sicherheit und Freiheit der Stadt zu pflegen, und wusste, dass die beiden scheidenden Schwestern diese Tradition auch nach dem Auszug bewahren wollten, solange sie könnten. Er verwies darauf, welche Perle die Klosterkirche mit dem Grab der seligen Ursula Haider darstellt, und er bat darum, dass dieser „spirituelle Stützpunkt“ in der Stadt erhalten bleibe.

Ein drittes Grußwort richtete Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon an die Versammlung. Er sei während der vergangenen Wochen mehrmals gefragt worden, wie es um die Zukunft der Stadt bestellt sei, wenn keine Klosterfrau mehr für sie betet. An dieser Frage sei ablesbar, welche Rolle das Kloster im Bewusstsein der Bevölkerung gespielt habe. Er zeigte sich davon überzeugt, dass nach der feierlichen Übergabe der Klosterschlüssel an die Schule die neuen Bewohner ihre Zukunft zwar anders als die Klosterfrauen, aber dennoch aus einem klösterlichen Geist heraus gestalten würden. Sie seien dann vielleicht weniger still, aber nicht weniger intensiv dabei, sich nach dem Erbe der Klarissen bzw. der Franziskaner radikal für den Frieden einzusetzen statt allein an der Macht interessiert zu sein. Der Oberbürgermeister erinnerte daran, dass die Ursulinen die qualifizierte Schulbildung junger Frauen aus der ignatianischen Spiritualität heraus entwickelt hätten, und er rief mit Verweis auf das Zweite Vatikanische Konzil dazu auf, aus der Berufung aller Christen „die Aufgabe der Ordensschwestern zu unserer eigenen zu machen.“ Er sprach den Schwestern den Dank der Stadt aus und wünschte ihnen Gottes Segen für ihren neuen Lebensabschnitt.

Beim Grußwort der Schule schloss zunächst Schulleiter Johannes Kaiser den bisherigen Dankesworten einen persönlichen Dank an: Sr. M. Roswitha habe als Jahrzehnte lange Leiterin des Internats und der Tagesschule als Anwältin der Tagesschülerinnen und -schüler gewirkt und eine „aufopferungsvolle Arbeit“ geleistet, die auch noch bei ihrer späteren Verwaltungstätigkeit für das Kloster „mannigfaltig in die Schule hineingewirkt hat“. Sr. M. Siegrun habe neben ihrer umfangreichen Tätigkeit als Fach- und Klassenlehrerin auch „geistliche Spuren in den Herzen und im Geist vieler hundert Schülerinnen und Schüler, aber auch bei Kolleginnen und Kollegen hinterlassen.“ Herrn Pater Fuchs wurde für dessen langjährigen Beitrag für die Gottesdienste der Schulgemeinschaft gedankt. Er habe sich stets auf die Themen der Schülerinnen und Schüler eingelassen und bei der Gottesdienstvorbereitung mit den Religionslehrerinnen und Religionslehrern „seelsorgerliche Gespräche mit Wirkung ins Kollegium hinein“ geführt. Für die Schulleitung brachte Johannes Kaiser eine junge Kastanie mit, die als Erinnerungsgeschenk im Innenhofgarten gepflanzt wurde, um des Tages des Abschieds von den letzten Schwestern zu gedenken und vielleicht einmal die große Kastanie als Symbol für St. Ursula zu beerben.

Als Vorsitzender der Mitarbeitervertretung der Schule brachte unser Kollege Dr. Christoph Käfer anschließend den Schwestern und Herrn Pater Fuchs die Wertschätzung des Kollegiums und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihr Schulwerk zum Ausdruck. Gemeinsam mit dem Schülersprecher Bjarne Friedrichsohn überreichte er ihnen jeweils eine kleine Schatztruhe, die von den Schülerinnen und Schülern der Tagesschule gestaltet waren. Der nahezu identische Inhalt war mit Beiträgen aller Klassen gefüllt, welche die Botschaft enthielten: „Das Kloster war ein Schatz für uns!“

Zum Schluss ergriff Frau Superiorin Sr. M. Roswitha das Wort. Sie dankte allen, die den Verabschiedungstag gestaltet hatten, und erinnerte an den Auftrag, den die Ursulinenschwestern von ihrer Stifterin Anne de Xainctonge erhalten hatten: „Lehren, trösten und allzeit beten ist der Beruf der Ursulinen.“ Sie wünsche sich, dass die Schule in diesem Sinne weitergeführt werde, und sei dankbar, „dass der größte Teil des Klosters in Zukunft schulisch genützt wird und nichts Fremdes einzieht.“ Weil in jeder Veränderung auch eine Chance liege, sehe sie für sich an ihrem neuen Lebensmittelpunkt St. Lioba auch eine Chance. Sie schloss mit den Worten: „Gott ist auch in St. Lioba und in Brig!“

 

-> Zur Bildergalerie (Fotos: S. Kaiser)

NEU

Ingrid Ganuza Ayala über ein MISEREOR-Projekt in El Salvador

Zum wiederholten Mal hatten die St. Ursula-Schulen als Partnerschule von MISEREOR eine Referentin zu Gast, die von ihrer persönlichen Arbeit in einem Projekt berichtete, das von MISEREOR... mehr